Samstag, 12. Januar 2019

Wir lieben unsere Nestbeschmutzer innigst. Oder sind es Nestreiniger?

Ein Datschiburger beschreibt unser Grüblburg.


Es gibt in Augsburg doch noch einen Leser der Süddeutschen Zeitung und der darf in ihr auch Liebeserklärungen an unsere hässliche Industriestadt veröffentlichen. Diese geht nun durch die sozialen Medien und der Verfasser soll bald zum Ehrenbürger erklärt werden.


Die sehr spezielle Schwabenmetropole


Das menschliche Wesen in Augsburg ist etwas ganz Besonderes. Und das will gewürdigt werden

Das menschliche Wesen in Augsburg ist, egal ob weiblich, männlich oder divers veranlagt, etwas ganz Besonderes. Und das will gewürdigt werden. Hier ein paar typische Gegebenheiten:

Gelingt es, ein Gespräch mit einer unbekannten Person über drei Minuten zu führen, erhalten Sie die Frage: "Sie sind aber nicht aus Augsburg?" Werden Augsburger von Fremden angesprochen, drehen sie sich oftmals demonstrativ zur Seite.

FKK-Badeseen (es sind vier im Umland der Stadt) werden auf der Homepage von Augsburg nicht aufgeführt, obwohl sie landschaftlich sehr reizvoll sind.

Die Einführungsreden für Kulturveranstaltungen sind eintönig und klingen, wie das "Vater unser", in dem das Wort "Vater" durch Jakob Fugger ersetzt wurde.

Wer es wagt, einen Leserbrief an die örtliche Zeitung zu schreiben, der veröffentlicht wird, erhält als Strafe die anonyme Zusendung von Post für die folgenden 14 Tage. In ein bis zwei Briefen wird der Mensch gelobt ("endlich jemand, der dazu etwas sagt"). Die restlichen circa zehn Briefe sind Hasstiraden ("Sie Netzbeschmutzer!").

Vor circa drei Jahren kaufte ein Münchner Pärchen ein Reihenhäuschen in der angrenzenden Siedlung. Sie renovierten es und gaben ihm einen kräftigen roten Anstrich. Im kommenden Jahr wird wieder ein Baugerüst aufgebaut. Die Fenster werden abgeklebt. Etwas irritiert spreche ich die Maler an, ob es jetzt schon etwas auszubessern gäbe. Nein, antworten sie daraufhin. Es habe massenhafte anonyme Beschwerden gegeben. Tags darauf, als die Fassade im Bordeauxton angestrichen wird, stehen sieben bis acht Männer und schauen zu. Die Beschwerdeführer?

Betreten Sie als noch nicht registrierter Kunde Samstagfrüh eine Bäckerei, so heißt es, wenn Sie an der Reihe sind: "Was kriegen Sie?" Auf meine Retoure "erst einmal einen wunderschönen guten Morgen!" spiegelt sich blankes Entsetzen und schiere Überforderung in den Gesichtern der Bäckereifachverkäuferinnen. Durch Hartnäckigkeit erreiche ich nach etwa zwei Monaten, dass ich von der mich bedienenden Verkäuferin gegrüßt werde. Nach sechs Monaten erfolgreichem "Sozialtraining" werde ich sogar auf meinem Sonntagsspaziergang gegrüßt.

Auf dem Weihnachtsmarkt beginnt der Standlverkäufer das Gespräch mit dem potenziellen Kunden erst, wenn dieser ein Objekt in die Hand nimmt, mit dem Satz: "Das kostet ... Euro." Erwirbt der Kunde das Objekt, leuchtet der finstere Blick des Verkäufers ein wenig auf. Wenn nicht, sollte der Mensch das Objekt alsbald an seinen Platz zurückstellen. 

Als Kunde ist man geneigt, sich darüber zu erkundigen, mit wie viel Euro jedes gesprochene Wort im Verkaufpreis mit einkalkuliert wird. Das deutsche Fernsehen quittierte die vorweihnachtliche Herzlichkeit zweimal hintereinander mit dem Preis der roten Laterne fürs unfreundlichste Weihnachtsmarktpersonal der Republik! Reaktion der Augsburger: "Wir wurden beachtet!"

Betreten Sie einen Biergarten, ein Café und wollen sich an einen Tisch dazusetzen, so werden Sie sehr bestimmt darauf hingewiesen, dass da wohl noch jemand komme. Wenn Sie sich erfolgreich erbeten haben, bis zur Ankunft dieser Person dort Platz nehmen zu können, werden Sie feststellen, dass niemand mehr erscheint.

Es kursiert folgender Witz: Steht ein Pärchen vor seiner Wirtschaft, auf einer Anhöhe außerhalb Augsburgs. In der Ferne tauchen zehn Autos auf, alle mit Kurs auf die Wirtschaft. Sagt sie zu ihm: "Du Karl, da kommen zehn Augsburger, wir haben aber nur neun Tische. Was sollen wir machen?"

Lachen ist nur unerkannt und in der Dunkelheit erlaubt. Sigi Zimmerschied nahm in einem seiner Auftritte in der Kresselsmühle, als Zuschauer zu lachen begannen, eine Taschenlampe zur Hand und strahlte mit dem Lichtkegel das Gesicht eines lachenden Besuchers aus. "Da lacht doch jemand." Für die nächsten 15 Minuten war es mucksmäuschenstill in seiner Show, obwohl sich eine Pointe an die nächste reihte.

Menschen, die wegen ihres Lebenspartners nach Augsburg ziehen, um dann feststellen zu müssen, dass sie nicht von den Bewohnern angenommen werden, haben den Begriff der "fehlgeleiteten Liebe" geprägt.

Positives Fazit: In Augsburg ist der Klimawandel noch nicht angekommen. Es bleibt weiterhin frostig.

Rüdiger C. Bergmann, Augsburg

---

Unsere ukrainische Putzfrau meint: "Sollte dieser Leserbriefschreiber in unserer Redaktion arbeiten, dann werde ich ihm mal mit meinem Besen einen Scheitel ziehen!"

Schande über Knödeltown
Unser Herr Ausgeber: "Die Süddeutsche Zeitung kommt ja aus München. Hat München eine Skandal-Zeitung? Nein! Dann bleibt diese Knödeltown doch stinklangweilig!"