Montag, 20. Oktober 2014

Immer mit einer Scheibe Zitrone drin

Hugo
Er kommt jeden Tag,
und das oft schon um 10 Uhr morgens,
sobald das Café Viktor unten an der Ecke öffnet.
Manchmal schaue ich am Nachmittag auf einen
Cappuccino und das Str8ts-Rätsel in der SZ vorbei.
Und da hockt er dann betrunken am Tresen.

„Hallo Hugo.“
„So, hallo. Servus. Griaß di!“

Hugo trinkt sein Weizen immer
mit einer Scheibe Zitrone drin, die er,
wenn er das Glas geleert hat, mit Schale isst.
Früher war er Lackierer.
Aber seine großen Momente hatte Hugo
als DJ C.C. Dynamite in den 80ern
im Ex-Club von Waldemar Hartmann,
wo er regelmäßig in Leggings und Perücke
seinen Glam Rock auflegte.

Heute ist Hugo knapp 60 und nicht mehr vermittelbar.
Zuviel Alk und Lackieren ohne Maske.
Ab und zu hat er noch einen Gig in der Kneipe
ein paar Straßen weiter, in der an den Wänden
diese witzigen eingerahmten Sprüche hängen
und der Fettwanst am Zapf jedes Lied mitpfeift.
„Lieber die Nummer Eins in Augschburg,
als die Nummer Zwo in L.A.“, sagt Hugo.

Wenn er nicht in seiner dunkelblauen Trainingshose
am Tresen im Viktor hockt und
lautstark in sein Stofftaschentuch trötet,
dreht er wie eine Ballerina
an der Straßenlaterne vorm Café seine Runden.
Oder er wandert durchs Viertel und erschreckt Katzen.
„Miez, Miez.“

Hugo mag Katzen sehr.
Als letzten Winter seine Katze starb,
wollte er sie ausstopfen lassen.
Doch der Kadaver war bereits verwest,
weil sein Kühlschrank gerade kaputt,
und es auf dem Balkon zu warm gewesen war.

Für die jungen Mütter, die im Viktor
mit Babyschalen und Kinderwägen den Gang blockieren,
sind solche Geschichten verstörend.

Deshalb hat Bernard, der Chef vom Café,
dem Hugo gesagt, dass er mal Pause machen sollte.
Das hat den Hugo so sehr aufgeregt,
dass er einige Wochen nicht mehr auftauchte.
Aber dann war er wieder da.
„Schöna Dag no.“
„Danke Hugo. Dir auch!“
„Werma ham.“

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(Gedicht über einen blonden Augsburger Rockfan namens Hugo von Bernd  Maris Kramer, Herausgeber der Zeitschrift Superbastard)