Mittwoch, 28. Dezember 2016

Siegfried Stiller malte sich davon: Jetzt wirds auf der anderen Seite farbiger ...

Hat sich für immer von uns verabschiedet: Siegfried Stiller.
Er gehörte zu den ausdrucksstärksten Augsburger Künstlern: Siegfried "Sigi" Stiller. Jetzt hat er sich davongemalt. Ins Jenseits. Bis zu seinen letzten Atemzügen war er kreativ. Seine großen Gemälde strahlen mit ihren satten Farben und ideenreichen Formen eine starke Lebensfreude aus. In seinem Atelier war immer Diskussion angesagt. Begegnungen mit Menschen waren für ihn wichtig. Die Flaschen kreisten und die Worte stiegen in unendliche Höhen.

Stiller war das Gegenteil eines ruhig für sich dahinlebenden und arbeitenden Künstler. Ihn besuchte man gern. Und er freute sich über Besuch. Furore machte er vor einiger Zeit als nackter Mann auf dem Rathausplatz, der für den Erhalt des Kulturpark Wests und seinen Ateliers demonstrierte.  Er malte und zeichnete viel mit seinem Wein und seinem Blut.
Stillers letztes großes Gemälde in seinem Atelier: der Tod?
Natürlich verzichtete er als kranker Maler nie auf Wein und Zigaretten. Hätte er einen guten Galeristen gehabt, hätte er bald zu den berühmtesten Malern gehört.  Aber er entzog sich dem Kunstmarkt-Rummel und malte und zeichnete und malte und saß gern mit den Menschen zusammen und redete mit ihnen über seine Gedanken und Bilder. 

Das ist die wahre, unbezahlbare Kunst. Danke, Sigi.

Wer jedoch die Freude hatte und vielleicht noch hat, wenn nach seinem Ableben seine Gemälde der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden, der erkennt wahrscheinlich, dass Farben und Formen unser Leben mehr als verschönern. Und Stillers Farben gehören zu den lautesten, aber auch wohlklingendsten.
Als Nackter kämpfte er auf dem Augsburger Rathausplatz für die Ateliers im KuPa West.

Arno Loeb schrieb über ihn mal: "Der Maler Siegfried Stiller sitzt total entspannt zwischen seinen riesigen Bildern im Atelier. Aber diese monumentalen Gemälde engen ihn nicht ein, nein, sie scheinen ihn freier zu machen. Durch die Bilder geht er mit seinen Gedanken hinaus in die weite Welt. Das spürt man. Und ein Spaziergang durchs Universum ist dann nichts Ungewöhnliches für den Künstler, der die Energie einiger Jahre in eine Werbeagentur steckte. Der Geldbeutel hat´s ihm gedankt, sein Herz weniger."

Mehr über Siegfried Stiller bei Augsburg-Wiki.

Mit seinem Blut im Krankenhaus gezeichnet.



Mehr über Siegfried Stiller und seine Bilder auf seiner Seite.




"Kunst ist frei"
Stiller über sein Schaffen.

Menschen und Menschliches, Gefühltes und Erlebtes bilden die inhaltliche Grundlage
meines künstlerischen Schaffens. Expressiv, dynamisch und wuchtig in Duktus und Farbgebung
sind meine gestalterischen Ausdrucksweisen vielschichtig und inhaltlich gefühlsorientiert,
den individuellen Lebenserfahrungen gewidmet. Lebenswahrnehmungen im inneren und äußeren Umfeld, Lust und Liebe finden Eingang in meine großformatigen Bilder.

Großformatige, dynamisch wuchtige Pinselführung, fetter, pastoster Farbauftrag
bilden oft archaische Formen und abstrakte Gefühlsformationen.

Farbe wird begrenzt, - löst sich von festen Formen, - fließt -
bildet mehrere Ebenen - formaler wie inhaltlicher Art.

Kaffee, Rotwein und Blut verbindet Leinwand und Künstler körperlich – Körper, Geist und Tafelbild vereinen sich.
 
Blut, die Farbe des Lebens, des Ursprungs, vereinigt das Modell mit Hingabe im Abbild Künstler und Wahrnehmenden, verbindet sich archaisch. spirituell und real.

Kunst entzieht sich kultureller, politischer und religiöser Bevormundung - Kunst ist frei.

Siegfried Stiller zwischen seinen Bilder-Wesen.
(Foto: Arno Loeb)
"Es dringt kein Sound mehr aus seinem Raum, der Geruch nach frischer Farbe fehlt. Am Tag nach Weihnachten ist der Maler und Szeneaktivist Siegfried Stiller, Mann der ersten Stunde im Kulturpark West, politisch engagierter Künstler, enfant terrible der freien Szene, von uns gegangen. Ganz leise, fast unbemerkt hat er am 27.12.2016 aufgehört zu leben – im starken Kontrast zu seinem immer lauten, direkten, unbekümmerten, sich selbst nicht schonenden Einsatz für die freie Kunst und ihre gesellschaftliche Beachtung!" (Peter Bommas in der DAZ)

- - -

Er hat nicht den Zeitgeist bedient

Der Künstler Reinhard Gammel, der mit Siegfried Stiller eine gemeinsame Ausstellung machte schreibt über diesen:
Aber wir Menschen sind, wie wir sind. Dass aber diese trübe Kleinstadt Augsburg einen Lichtblick wie Stiller "unter den Scheffel stellt", aushungert und totschweigt, ist ein bitteres Armutszeugnis für kulturelle Ignoranz und Dummheit.

Da nützt es dann gar nichts, wenn immer wieder "Hier stehe ich und kann nicht anders" der Judenhasser Luther bejubelt wird. Man verschließt einfach die Augen vor den Inhalten. Man jubelt nur einfach mit, wenn irgendein ein Arsch prominent ist. Luther ist prominent.

Sigi Stiller war nie prominent, der Prophet wird im eigenen Land meistens missachtet. Er war aber auch nie ein Prophet. Er war ein Künstler. Die gibt es in Augsburg aber auch nicht am Fließband. Und er hat auch nicht den Zeitgeist bedient.

Sondern, fast wie ein echter Prophet, den Geist hinter den Zeiten. Hinter den Moden, hinter den Oberflächen. Darum konnte er mit so vielen Menschen kommunizieren. Er war selbst menschlich. Und, was so ganz besonders daran ist, er hat es nicht vertuscht. Sondern bekannt.

"Hier stehe ich und kann nicht anders". Das sind meine Bilder. Nackte Leiber, blutende Fotzen, rotes Blut. Kaffee und Kotze. Wein und Verzweiflung. Skizzierte Geschlechter, gemaltes Gelächter. Wir sind keine Meister, sondern irrende Geister.

Gammel und Stiller.


Bilder bei unserer letzten gemeinsamen Aktion nannten wir: „Last Exit Fuckerstadt“ - das ist nicht nur das brutale Brooklyn. Ich musste mein Atelier und Notquartier räumen. Habe dann frisch gestrichen an den Vermieter übergeben, aber er hat trotzdem die Kaution für eine Neurenovierung einbehalten. Das ist schön, wenn man ein Vermieter ist und Macht hat. Und bitter, wenn man von Sozialhilfe lebt.

Sigi wurde nicht nur von seinem strapaziertem Herzen im Stich gelassen. Er wurde reduziert auf das primitivste Existenz-Minimum. Er musste seine Wohnung ebenfalls räumen. Er hat sich in sein Atelier im Kulturpark zurückgezogen. Machen wir uns nicht immer den schönen Hochglanzschein vor. Künstler müssen in Augsburg um ihr Überleben kämpfen.