Sonntag, 1. Januar 2017

Eine ehrliche Psycho-Studie über die Datschbürger - Ausdruckslosigkeit der Physiognomien, Kropfeln, Rachitis und andere Kachexien (1. Teil)

Eine gründliche Untersuchung des allgemeinen
Augsburger Charakters
"Eine Menge Blödsinniger"



Im allgemeinen bietet die physische Konstitution der Bevölkerung Augsburgs in der Jetztzeit nichts Auffallendes oder Bemerkenswertes; nur die ältere, der Reichsstadt noch entstammende Generation trägt noch Erscheinungen, welche weder eine körperliche Kraft noch an äußeren Formen auszeichnende Eigenschaften darbieten. 


Bei aufmerksamer Beobachtung läßt sich diese Generation ebenso wie ihr Nachwuchs von der eingewanderten Bevölkerung unterscheiden. Man findet bei ihr in der Regel einen wenig ebenmäßigen Gliederbau, eckige Schädelbildung, insbesondere stark prominierende Backenknochen, hervorstehende Unterkiefer, auffallendschlechte Beschaffenheit der Zähne, Satthals“ und Kropfin allenerdenklichen Formen; Schlaffheit der Muskulatur und nicht selten auch Ausdruckslosigkeit der Physiognomien. Kropfeln,“ Rachitis und andere Kachexien“ mit ihren Folgezuständen waren früher unter der hiesigen Bevölkerung ziemlich einheimisch, daher man noch vor wenigen Jahrzehnten sehr häufig verkrümmten und verkrüppelten Personen begegnen konnte. Nicht minder gab es zu Anfang dieses Jahrhunderts noch eine Menge Blödsinniger verschiedenen Grades.


Der in den Reichsstädten früher festgehaltene Usus, alle auswärtigen Elemente ferne zu halten, resp. sich nur mit Eingebornen, häufig sogar mit Blutsverwandten zu verheiraten, mag nebst der von jeher hier herrschenden Abneigung gegen das Stillen der Kinder, einen Teil der Schuld an dem körperlichen Verkommen der Urgeneration Augsburgs tragen.

"Männliche oder weibliche Schönheit fast zu den Seltenheiten gerechnet werden"

Doch hat die Neuzeit hier manches gebessert, und die jetzige, seit dem Übergang der Stadt an die Krone Bayern. Durch verschiedentliche Kreuzung mit den alt-bayerischen, fränkischen und württembergischen Stämmen entsprossene Generation gewährt allerdings einen erfreulicheren Anblick als die frühere, unter welcher eine männliche oder weibliche Schönheit fast zu den Seltenheiten gerechnet werden mußte.

Doch scheint Augsburg weder mit anderen größeren Städten Bayerns noch mit den umgebenden Landdistrikten bezüglich der kräftigen Körperkonstitutionen zur Zeit noch wetteifern zu können, da die Militärkonskriptionen bis jetzt stets eine das gewöhnliche Verhältnis weit überschreitende Mehrzahl von Untauglichen hierorts geliefert haben.“


Dennoch aber bietet Augsburg in Betracht der Longävität seiner Bevölkerung nicht weniger als ungünstige Verhältnisse. Und hier steht merkwürdigerweise das ehemalige reichsstädtische Patriziat obenan, in weichem von Alters her die Verwandtschaftsheiraten usuell sind, und das sich im Durchschnitt weder besonders athletischer noch aber auch durch Schönheit ausgezeichneter Individualitäten zu erfreuen hatte und das aber auch noch heute ein Privilegium zu besitzen scheint, zumeist erst in den Achtziger, ja selbst in Neunziger den Schauplatz des Lebens zu verlassen.


Übrigens fehlt es auch in den übrigen Schichten der Bevölkerung nicht an zahlreichen Beispielen von sehr hohem Lebensalter, und befinden sich namentlich in dem hiesigen Bürgerhospital“ eine erhebliche Anzahl von Pfründnern in den Achtziger, hie und da sogar ein Neunziger und zwei Individuen, welche das hundertste Lebensjahr überschritten hatten.


Von den intellektuellen Eigenschaften der hiesigen Bevölkerung läßt sich für die Gegenwart wohl nur Rühmliches sagen. Bei der Vortrefflichkeit unserer Schuleinrichtungen werden unter derselben wohl kaum mehr Einzelne zu finden sein, die des Lesens und Schreibens nicht kundig wären und diese dürften nur unter den ältesten Leuten zu suchen sein, welchen bei der allerdings großen Mangelhaftigkeit des reichsstädtischen Volksschulwesens diese Segnung nicht zuteil werden konnte.

Daß, insbesondere bezüglich des Rechtsschreibens, übrigens bei dem gemeinen Mann noch vieles zu wünschen übrig bleibt, mag einerseits in der bekannten Indolenz der niedern Volksschichten gegen den Unterricht, andererseits aber auch in dem Umstande zu suchen sein, daß der Arbeiter nach seiner ermüdenden Tageslast selten mehr Muße zur Fortentwicklung des in der Schule Erlernten findet.

Diese Bemerkung dürfte namentlich bei unserer sich alljährlich mehrenden Fabrikbevölkerung Anwendung finden!


Dagegen findet sich beim bessern Bürgerstand seit Jahren schon viel Sinn für schöne Literatur und ziemliche Belesenheit, sowie aber besonders Sinn für industrielle Unternehmungen und Spekulationen. Der reiche und vornehme Teil unserer Bevölkerung bewohnt zumeist die mittlere, auch einen Teil der obern Stadt. Auch die I5 hiesigen Großhandlungen sind lediglich in der oberen und mittleren Stadt zu finden.



"Werden die Exkremente zur Nachtzeit in das nächstgelegene Kanalwasser getragen"

Aborte: Die Abtritte in den höher gelegenen Stadtteilen befinden sich beinahe überall im Innern der Häuser, wobei die Gruben sehr tief, und wenn es die Lage der Häuser zuläßt, außerhalb der letzteren angelegt sind. Die Gruben sind gemauert, jedoch diejenigen älterer Bauart keineswegs wasserdicht, so daß die Flüssigkeit großenteils in die tiefere Kiesschicht einsickert. Seit dem Jahre T856 werden infolge sanitätspolizeilicher Verordnungen die neu anzulegenden Abtrittgruben mit wasserdichtem Zementmauerwerk umgeben.


In den tiefer liegenden Stadtteilen, welche durch 3 bis 4 Kanäle mit stark fließendem Flußwasser durchströmt werden, gehen die Aborte direkt in das Wasser. In jenen tiefer liegenden Stadtteilen jedoch, welche diese Gelegenheit nicht haben, werden die Exkremente zur Nachtzeit in das nächstgelegene Kanalwasser getragen.


(Untersuchungen und Dokumentation durch Prof. Dr. Dr. Aaron Sch. Marrn, 1899-1939)

Forts. folgt!