Donnerstag, 15. September 2016

Fernbus fahren - schlimme Ausbeuterei?

Der Wettbewerb im Fernverkehr ist außerordentlich hart - gnadenlose Preiskonkurrenz

Was ist wirklich los mit den Fernbussen und ihren Fahrern?



Vor allem bei jungen Menschen sind die Busse beliebt, wegen der niedrigen Preise und weil sie kostenlos WLAN bieten.

Die vorherrschende Farbe der Fernbusse auf den Autobahnen ist nun endgültig grün. Nachdem sich Flixbus auch die gelben Postbusse einverleibt hat, beherrschen die Münchener mehr als vier Fünftel des Marktes. Ein „Fastmonopol“ ist im Fernbusgeschäft entstanden. Was ist los auf dem Fernbusmarkt? Wer steckt hinter dem „grünen Riesen“? Und wer zahlt letztendlich für die extrem niedrigen Ticketpreise?

Auch in Augsburg halten die Fernbusse mit den billigen Fahrpreisen und starten hier los an der nördlichen Stadtgrenze, bei der Endhaltestelle der Tram-Linie 4. Wer fährt da mit?

Fernbusse: Eine Erfolgsgeschichte?
Am 1. Januar 2013 kam es zur Liberalisierung des Fernbuslinienverkehrs in Deutschland. Grundlage war die Novelle des Personenbeförderungsgesetzes. Damit hat das Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur die Liberalisierung des inländischen Fernbuslinienverkehrs umgesetzt. Zuvor unterlag der Markt erheblichen Restriktionen. Nach der alten Gesetzeslage konnte ein fahrplanmäßiger Busverkehr grundsätzlich nicht genehmigt werden, wenn eine parallele Eisenbahnverbindung vorhanden war („Verbot der Doppelbedienung“).

Seit der Marktliberalisierung im Jahre 2013 sind die Passagierzahlen geradezu explodiert – von zunächst 8,2 Millionen auf 20 Millionen in 2015. In diesem Jahr wird wohl die 25-Millionen-Grenze geknackt. Damit überholen die Fernbusse die Passagierzahlen des innerdeutschen Flugverkehrs. Die Zahl der Fernbuslinien hat sich seit 2013 mehr als verdreifacht.

Ruinöser Wettbewerb
Vor allem bei jungen Menschen sind die Busse beliebt, wegen der niedrigen Preise und weil sie kostenlos WLAN bieten. Sehr viele Reisende sind deshalb von der Bahn auf Busse umgestiegen. „Die Liberalisierung des Fernverkehrs löste vor drei Jahren eine Sturm-und-Drang-Periode mit einem unerbittlichen Preiskampf aus“ (berliner-zeitung.de vom 4.8.2016).

„Viele der neuen Anbieter verschwanden schnell wieder oder wurden von Größeren geschluckt“ (FR vom 4.8.2016). MeinFernbus, Flixbus, Postbus, City2City und viele andere versuchten, sich mit Niedrigpreisen zu unterbieten, was folgte war eine „Konsolidierung im Eiltempo“. Auf dem vormals umkämpften Fernbusmarkt gibt es nun so gut wie keine Konkurrenz mehr – übriggeblieben ist ein Großer; mit extrem niedrigen Ticketpreisen hat der Marktführer Flixbus die Konkurrenz in die Knie gezwungen.
  • „Im Fernbusgeschäft wird mit harten Bandagen gekämpft. Der Preiskampf ist hart, die Gewinnmargen sind gering“ (bild.de vom 7.1.2015).

Flixbus: Expansion ohne Grenzen?Das Unternehmen FlixMobility GmbH mit Sitz in München ist Betreiber bundesweiter Fernbuslinien, Flixbus beauftragt externe mittelständische Busunternehmen (derzeit rund 250) mit den Fahrten. Insgesamt sind zurzeit rund 1.000 grüne Flix-Busse unterwegs.

„Wir bieten täglich 100.000 Busverbindungen in rund 900 Städte in mehr als 20 europäische Städte“ ... „Berlin-Hamburg ab 7,90 Euro; München-Prag ab 15 Euro; Dresden-Berlin ab 6,90 Euro“ ... (Flixbus-Homepage).

Die EigentümerEigentümer von Flixbus sind neben den drei Flixbus-Gründern die beiden MeinFernbus-Gründer Torben Greve und Panya Putsathit. Hinzu kommen einige weitere kleinere Investoren – und seit 2015 General Atlantic, eines der größten Private-Equity-Häuser der Welt.

Hinter der glänzend grünen FassadeTrotz der Quasi-Monopolstellung des „grünen Riesen“ werden die Ticketpreise wohl jetzt nicht explodieren. Moderate Preiserhöhungen sind eher wahrscheinlich, Flixbus setzt vorrangig auf eine bessere Auslastung der Busse und auf neue Ziele.
  • „Der eigentliche Wettbewerb ist nicht Fernbus gegen Fernbus, sondern Fernbus gegen Bahn, Flugzeug und Auto“ (FR vom 4.8.2016).

„Der Wettbewerb ist extrem, um nicht zu sagen pervers“, so ein Kölner Busunternehmer (in RP vom 5.8.2016).

Augsburgs bekanntester Bus ist Bob's neuer schwarzer Rock & Roll-Shuttle. Dieser unternimmt aber keine Fernfahrten als Billigheimer, sondern kutschiert die AEV-Panther-Eishockeyfans aus der Augsburger Umgebung zu den Spielen im CFS-Stadion. Ab und zu werden damit auch Fahrten zu Rock-Konzerten unternommen.

Die günstigen Ticketpreise haben eine bittere Kehrseite – hinter der glänzenden Fassade sieht es recht trist aus. Rund 2.000 Euro brutto bekommen durchschnittlich Fernbusfahrer/-innen. Ein mauer Lohn für sehr harte Arbeit: „Ein Knochenjob, der viel mehr verlangt, als Gas zu geben, zu lenken und zu bremsen. Ein Fernbusfahrer muss Gepäck ein- und ausladen, nebenbei Tickets, Getränke und Snacks verkaufen, Fahrgäste einchecken. Er muss Geduld haben, wenn nervige Gäste meckern, Erste Hilfe leisten, wenn ein Fahrgast plötzlich krank wird. Und er muss den Bus täglich putzen – Abfälle entsorgen, verschütteten Kaffee aufwischen, Sitze saugen. Kurz: Er muss Kofferträger, Bedienung und Schaffner sein und dann noch all das erledigen, wofür im Zug und im Flugzeug die Putzkolonne anrückt“ (Spiegel vom 10.3.2015).

Die Gewerkscahft ver.di sieht die Situation der Beschäftigten auf dem Fernbusmarkt entsprechend kritisch. Durch die zahlreichen Nebentätigkeiten „kommen zur maximal zulässigen täglichen Lenkzeit von 9 Stunden noch mindestens 1 ½ Stunden weitere Arbeiten dazu. Die Fahrerinnen und Fahrer sind nicht selten bis zu 13 oder sogar 15 Stunden unterwegs. Das ist möglich, weil die tägliche Mindestruhezeit (11 Stunden) 3 mal wöchentlich auf 9 Stunden verkürzt werden kann“ (ver.di).

(Unser Text stammt hauptsächlich von Verdi / Dr. Jürgen Glaubitz / Redaktioneller Stand: August 2016)

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